heimklang & sprachleib

Die Mutter deiner Sprache ist jene, die den Weg deiner Wurzeln zeichnet, dich zurückbringt und auf den fruchtbaren Boden deiner Her- und Ankunft zieht und rückleitet.

Habe ich zwar ungemein lange gebraucht, um dies zu erkennen, lange mit mir nicht klaren und ihnen nicht gewahren Werten, mit Recht und Unrecht, Gut und Böse gerungen; lange Zeit ausgeblendet und immerzu verdrängt, nie benannt und schier verkannt; intuitiv Themen und Namen gewechselt, diese Aussprachen gemimt und jene gemieden; Aussagen getroffen, die ich hätte nie aussprechen und Rechtfertigungen vorgelegt, die ich hätte nie machen müssen; Skepsis hingenommen und legitimiert, ständig relativiert, mich damit fast schon arrangiert; meine Muttersprache bewusst überhört – so bin ich mir einer Gewissheit nun bewusster, als jemals zuvor: Es spielt keine Rolle welch massiven Konstrukte, wuchtigen Gerüste, Machtgelüste und namenslose Strikte auf deiner Sprache lasten, wie verkompliziert die Bedeutung scheint, die ihr ungefragt beigemessen wird; du musst niemals mit irgendnichts bezahlen, wenn die Truhe deines Wortschatzes zum Politikum der Willkür mutiert. Vielmehr bist du dafür verantwortlich, selbstbewusst und selbsterkannt vor die Mutanten zu treten, dich zwischen sie und ihr Ziel zu stellen; der Mutter deiner Sprache den gebührenden Respekt zu zollen; sie von Patriotismus und Nationalismus jeder Natur, von Miss- und Unverständnis aller Manier, von jeglicher Terrorisierung und Instrumentalisierung, von groben Rassismen und ihren feinen Mechanismen auf eigene Faust zu lösen, dabei diese niemals zu ballen – dich vor der Blutarmut der vier ovalen Knochen zu scheuen – es sei denn um Stift und Papier, Olivenzweig und weiße Flagge empor zu halten. Denn ich begriff: Tust du es nicht, tut es niemand. Keiner erhebt sich für dich und deine Rechte. Diese muss ein Jeder in erster Linie mit eigener Kraft für sich selbst einverleiben. Für dich und deine Erstrebungen hingegen, springen sie alle auf, aus rechten und linken Ecken, rutschend wie Heuschrecken aus nassem Tau. Erlässt du deine Visionen sich selbst, übernimmt sie jeder, nur nicht die, die Prestige und Position immer sein ließen, Inhalt und Intention rein hielten.

Und ich kämpfte nicht minder mit meiner Ethnie, zerlegte und reflektierte und grübelte zahllose Stunden über die verkannte und von Zeit zu Zeit verneinte Verbundenheit zu ihr; ja, hasste sogar von Wort zu Wort die Wärme, die sich beim Erhören meiner Muttersprache in mir breitmachte. Ich hinterfragte sie, als wäre sie kein Naturell, sondern ein Verbrechen, wischte meine getrocknete Schuldlosigkeit auf der morschen Anklagebank weg und nahm unüberlegt Platz. Solange, bis ich schließlich einsah, dass die gefühlte Vertrautheit über diesen Klang der rollenden Zungen meiner Vorfahren das wohl Menschentypischste ist, um vieles mehr als das grundlose Schnalzen die ihriger – jawohl, dass eigentlich jene Kräfte das schier Widerlichste sind, die mich über den Ton meines Ursprungs, der Verbuchung ihrer Existenz schlecht fühlen und um diese so spät scheren ließen.

Dreckig ist dieses Schuldgefühl – aus so viel und von noch weniger kommend, und elendig die Furcht vor Assoziationen und Konfrontationen, um die ich mit allen erdenklichen Mitteln einen fatal großen Bogen machte. Ich weiß, dass mir zwar nichts verhasster war, als mentale Bevormundungen und vorab getroffene Beschreibungen, ich dennoch ohne erkennbare Symptome in beengender Vorsicht lebte, begleitet mit der Angst vor einer Infizierung desselben Nationalismus, des gleichen Stolzes, das ich stets bespuckte. Doch merkte ich nicht, dass ich mich selbst reduzierte, mir den Anspruch auf die Selbstbestimmung meines mündigen Ichs mit eigener Hand entriss und es fügsam dem Konsens übergab. Und genauso wenig war ich mir bewusst, wie erdrückend es war, als diskursiver Hypochonder zu leben.

Es war nämlich so: Ich fügte mich prädestinierten Rollen, die mir zuwider waren und befolgte unausgesprochene Anweisungen von Massen, die mir nichts zu sagen hatten. Und erst um ein ganzes Stück später merkte ich, wie ich das Gleiche wurde, um dessen Nichteintritts willen ich mein Urwesen tagtäglich eliminierte. Ich stimmte zu und nickte an, nickte zu und stimmte an, die Floskelballaden jener, die mich meinen Mutterliedern beraubten. Ich wiederholte Sätze, die unbemerkt gegen die meinen steuerten. Aber das Schlimmste ist: Ich dachte tatsächlich, es wäre das einzig Richtige, was mir zu tun auferlegt wurde und alles andere das Schlimmste, was ich der allgemein festgelegten Moral am Pranger der Normen antun könnte.

Und nur Gott weiß wer und was zu verschulden hat, dass ein gesamtes Volk seinen identitären Stücken nur Schweres und Schmerzendes abgewinnen kann, sowie ich ihr all die Zeit nur Ballast und Scham abgewinnen konnte.

Ich fand meine Wurzeln auf bewusste Weise ganze 20 Jahre zu spät und nicht in 20 Jahren werde ich erkennen zu welchem Preis.

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Ein Gedanke zu “heimklang & sprachleib

  1. Liebe Büşra,

    ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität zu Köln. Ich forsche im Rahmen meiner Doktorarbeit zur Herstellung von transkultureller Öffentlichkeit.

    Mich interessieren junge Menschen, die Anliegen und Themen, die im weiteren Sinne mit Migrationsgeschichten zusammenhängen, mit Hilfe von digitalen Medien in die Öffentlichkeit bringen. Dabei bin ich auf dich gestoßen und sehr interessiert an deiner Arbeit.

    Hättest du evtl. Lust und Zeit für ein wissenschaftliches Interview? Ich würde dir gern ein paar Fragen zu deiner Arbeit an sich und deinem Blog Gedankenfasern stellen.

    Ich würde mich sehr freuen,

    Lea Braun

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