Tarn der Trauer

Trauer ist Gefühl und Gedanke zugleich. Ein Saatgut, das sich ungefähr da einnistet, wo beides nicht mehr zu unterscheiden ist, da sich beide Empfindungen innerhalb gleicher Grenzen bewegen, und dann abrupt aber kaum merklich aufeinanderprallen. Es ist gleichgültig ob und wie entbehrlich das Erleben dieser Emotion ist, wenn man ohnehin keine andere Wahl hat, als sie stillschweigend zu durchleben. Vermutlich ist das schwierigste an Trauergefühlen, dass sie unmittelbar nach dem viel zu langsamen Realisierungsprozess andocken und mit keiner abgeschwächten Form erscheinen, keine mildere Alternative für die Wucht ihrer Erscheinung tragen. Und womöglich erschwert der allgemein etablierte Status von Trauer alles ein Stück weiter und einen Druck mehr.

Trauer ist Gedanke und Gefühl zu gleich. Sie lebt von dem untrennbaren Band beider Welten. Ersteres entspringt, um letzteres nach sich zu ziehen. Oder der umgekehrte Fall; ein Gefühl lässt Gedanken los, die Emotionen der Trauer als solche erst gebären. Sie nährt sich vor allem davon, sich schleichend zu nähern, beißend  vermessen und verwegen ihr entblößtes Gesicht der entgegenschlagenden Verblüffung zu präsentieren. Alles in allem und doch nur in einem taucht sie auf, um ihre Absenz mit einer gewaltig böigen Reaktion zu bedingen.

Doch Menschen wollen diese Trauer nicht. Weder erleben, noch drüber reden, sie am besten übergeben, in all den glitzernden, so hervorragend unechten Strukturen von Fiktion, da wo artifizielle Hände von weit weit her winken. Da gehören sie hin – oder nicht? – so meint man in stillem Einvernehmen. Zwischen musischem oder szenischem Gewebe eingeflochten, fest gestrickt in theatralischen Ergüssen, will man sie als äußere Magie erleben, aber doch niemals als eine konkrete Realität. Sie ist tragisch schön, lächerlich ansehnlich, wenn sie über Bildflächen vor eigener Nase flimmert, mit gleichsam melodischer Konnotation untermalt wird. Wenn ferne Figuren sie für uns angenehm leidend vorleben, sind wir süchtig nach der unterhaltenden, weil eigenen Hang an Dramatik untermauernden Dosis an Schwermut. Erleichternd entfernt, wirklich entfernt liegende Melancholie ist schließlich eine Kunst, die ästhetisches Empfinden miteinschließt, nah gelebte Trauer aber wird in heutigem Kollektiv mit Schwäche und nichts als Schwäche verbunden.

Die unangenehme Verlegenheit angesichts einer weinenden Person, die tatsächlich vor dir ist, keine gläserne, anorganische Trennwand, kein Bildschirm, der dich zum Schluss des Films mit abklingender Illuminierung errettet, und kein roter Vorhang, der fällt, wenn der Schmerz nachklingt, und die Verbindung zwischen diesem und einem selbst unwiderruflich trennt. Nur die echten, im Hier und im Jetzt existenten Gefühle, dessen man sich der Kontrolle wegen annehmen muss, damit sie nicht vereinnahmen können.

Und überhaupt, es wird nicht gern über das wirkliche Trauertragen gesprochen, über Trauertage, die für uns alle irgendwann kommen. Wenn in vermeintlichem Tiefsinn auch mal zwecks gemütlicher Runde unter abendlichem Sternenhimmel etwas Ernsthaftigkeit neben Tee und eingetunktem Gebäck auf den Tisch gepackt werden will, dann über die Produkte von Trauer, die Ursachen, allerhöchstens die Begleiterscheinungen; nicht aber über den wirklich substanziellen Affekt, dessen Züge zu mächtig für ein jähes Ende oder den methodischen Abbruch sind. Zu groß ist die Furcht vor nackter Konfrontation und viel zu weit reicht der unkonventionelle Ruf des offenen und öffentlichen Erlebens. Die Gesellschaft scheut sich vor Gefühlen und noch mehr vor den echten. Greift sie diese im Endeffekt ja doch auf, um sie in motorisch fachlicher Manier vor weltfremden Hintergründen in kunstvoll verpackter Virtuosität vorzuführen – sie als reelle Gegebenheit auszuführen wäre aber dann doch nicht im Sinne der gesellschaftlichen Norm.

Weil Trauer Gefühl und Gedanke zugleich ist. Und alles was dazwischen ruht, daneben und außerhalb davon steht, ist die verschönerte Modifikation von einer Trauer, die wir unserer nicht würdig sehen (wollen); weil sie ist unschön und lenkt ein Momentum, ohne dieses ab davor als Kriterium zu stellen.

 

 

 

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