Cizre im stillen Verfall

Der langwierige türkisch-kurdische Konflikt ist ein seit Jahren mit politischen Irrwegen und sozialen Kontroversen geschliffener Prüfstein für die türkische Regierung, dieser Tage und Wochen wohl so spürbar schwer lastend, wie zuletzt in den 80er Jahren der türkisch-kurdischen Historie.

 Eine Stadt in der Türkei, unweit der Provinz Şırnak und der türkisch-syrischen Grenze gelegen, die in den letzten Wochen und Monaten traurig stimmende Bekanntheit erlangte. Der Name Cizre steht nun in unmittelbarer Assoziiation mit dem „Kurdenkonflikt“, dem Dilemma der Minderheitenpolitik und so auch den Beschüssen zwischen dem türkischen Militär und der Terrormiliz PKK, die sich selbst als eine kurdische Befreiungsbewegung versteht. Während die Stadt mit rund 113.000 überwiegend kurdischen Einwohnern zu einem Schlachtfeld militärisch und paramilitärischer Ausschreitungen mutiert, fungiert sie auf der anderen Seite als Bunker. Für die gesamte Bewohnerschaft, die sich unter staatlich auferlegten Ausgangssperren und auf Grund von der PKK systematisch geschaffenen Straßengraben in ihrer Stadt verschanzen müssen, die tagtäglich in Straßenschlachten und am hellichten Tag geführten Waffengefechten verkommt. Cizre ist nun, ähnlich wie Diyarbakir, zum Sinnbild einer Zeit von politischer Erschwernis und einem in sich verwobenem Konfliktgemenge innerhalb der Türkei herausgewachsen, aber auch zur lokalen Manifestation eines langwierig existenten und doch gegen jedwede Ansätze von Diplomatie und rationaler Betrachtung resistenten gesellschaftlichen Diskurses.

So ist der Blick auf die Kurdenproblematik beidseitig extrem emotional gestimmt, vergangene Subversionen und Unmengen an verlorener Opfer trüben den klaren Blick. Es ist folgetechnisch keine Verwunderung, wenn nicht sogar ein fast schon natürlicher, affektiver Reflex, dass angesichts des politischen Zwistes und immens polarisierenden Diskurselementen sowohl Türken, als auch Kurden anhaltend übersteigende Nationalgefühle entwickelten.

Parallel zu der steigenden militärischen Expansion und dem enormen terroristischen Auswuchs macht sich ein gesonderter, seit der Aushandlung des Vertrages von Lausanne 1923, unter der Oberfläche ruhender innerstaatlicher Unmut breit. Dieser erlebte seinen spürbaren Auftakt bereits durch die seit der Französischen Revolution entfachten Idee des Nationalismus, welche gegen Ende des 19.Jahrhunderts verstärkt in integraler, aber auch exklusiver Form gen Naher Osten und Anatolien rüberschwappte und dort kollektiv beeinflusste. Auch die Ethnien der Türkei verfielen diesem, so fixierten sich beispielsweise Kurden immer weiter an die eigene kulturelle Identität, die aber vor allem angesichts der damaligen politischen Drangsalierung und als Minderheit eine ganz andere Bedeutung gewann. Durch Repressionen in Form von Verboten des offiziellen Gebrauchs der kurdischen Sprache und der rigorosen Assimilationspolitik Mustafa Kemal Atatürks, begannen sich Aufstände aus kurdischer Seite herauszukristallisieren, die ab 1978 in die Gründung der PKK mündete.

Was oft vergessen wird: Bis heute verzeichnet die PKK neben türkischen, auch eine Vielzahl an kurdischen Opfern, zu Anfangszeiten fanden so auch bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen kurdischen Stämmen in der Stadt Urfa statt, wobei vor allem gegen Aufsässige vorgegangen wurde, die eine militante Mobilisierung kritisch betrachteten und auf Grund dessen des Volksverrates beschuldigt wurden. Bis heute nimmt die Untergrundorganisation neben militärischen auch viele zivile Ziele ins Visier und verübte etliche Vergeltungsschläge, für die Unschuldige sühnen mussten.

Dennoch stößt die PKK neben Distanzierung und Kritik teilweise auf Unterstützung und Bekräftigung innerhalb des kurdischen Volkes, aber auch von vielen vermeintlich links motivierten und kulturell ungebundenen Sympathisanten. Hierbei herrscht ein ideologisches Mitgefühl, welches sich in selbigen binären Mustern verhält, wie die Gegenseite. In apodiktischer Manier blenden so Gegner und Kritiker der Erdogan-Regierung alle Misstaten, Kriminalitäten und zivilen Morde der PKK aus, vermindern und suchen sie mit Hilfe der erlebten Repressionen und heutigen Kollektivstrafen in Südostanatolien als Totschlagargument zu rechtfertigen. Andererseits werden diese von Verfechtern der Regierungsspitze aus der Realität der politischen Zustände vollends getilgt oder heruntergespielt. Zudem wird Diskretion gegenüber dem ganzen linientreuen Parteimann-Jubel der non plus Ultra Art nicht selten als eine stumme Zustimmung des Vorgehens der PKK angenommen. Dies alles wird auch nicht minder in einem Großteil der deutschen und der türkischen Medienlandschaft wiedergespiegelt, nur in den beiden verschiedenen Extremen agierend. Über zivile Opfer in Cizre oder Diyarbakir wird in türkischen Medien kaum bis gar nicht, in den deutschen dafür mit teilweise beleglosen, von NGOs angegebenen deutlich abweichenden Zahlen hantiert. Medial wird sowohl verharmlos, als auch aufgebauscht, nur selten werden klare Fakten geboten.

Auch fällt ein Jeder schnell unter Verdacht, Verteidigung und Rechtfertigungsintentionen für die PKK zu hegen, der das Vorgehen des türkischen Militärs nicht kompromisslos hinnimmt, sondern Kritik an dem stark glorifizerten Status dieser ausübt. Doch kann nicht negiert werden, dass sich ein gewisser Märtyrerkult, der übrigens auch auf nationalistisch-kurdischer Seite durchaus anzutreffen ist, und eine Unantastbarkeit des militärischen Handelns vor dem Hintergrund des Kampfes gegen den Terror abzeichnet. So wird in einigen Argumentationslinien sogar davon ausgegangen, dass das Militär während der Interventionen niemals auch Zivilisten getötet habe oder die „Eliminierung“ von Terroristen auch mal der Sicherheit der kurdischen Bevölkerung im Südosten vorzog, einfach weil es muslimisch sei. Eine absurde Reinwaschung einer politisch betrachtet durchaus zu kritisierenden Instanz, auf dessen Konstrukt ebenfalls Leben von Zivilisten lastet, die ebenfalls schwere Brüche von Menschenrechten- und achtung begang. Trotzdem erscheint das militärische Ganze durch seinen nahezu unantastbaren Status in allen Handlungen automatisch als legitim und berechtigt, oft auch in einem islamischen Kontext.

Dabei wird selten mit in Betracht gezogen, dass das türkische Militär als solches, Organ eines laizistischen Staates ist, an sich keine Verbindung mit dem Islam hat und das Vorgehen so auch niemals mit diesem begründet oder gerechtfertigt werden sollte. Es ist ein staatliches Konstrukt, für dessen Vergehen die Regierung vollste Verantwortung trägt. Auch, weil ein ungleichmäßiges Machtverhältnis vorhanden ist, auf der einen Seite eine ohnehin seit 2002 auf die Terrorliste gesetzte paramilitärische und illegale Miliz, auf der anderen eine Staatsgewalt, die zum Schutz der inneren Sicherheit verantwortlich ist und niemals befugt sein kann, Illegalitäten wie Kollektivstrafen mit bewusstem Hinblick auf Verluste in Form von ziviler Opfer zu begehen.

Fakt ist, was in Cizre geschieht und was das Volk Cizres in den letzten Monaten erlebte, war nichts anderes als ein Ausharren zwischen zwei Frontenverhärtungen. Bürgerkriegsähnliche Zustände brachten Bilder von Panzern und Straßenzügen hervor, ließen erahnen welche Folgen die Kollision der terroristischen Fehde mit der militärischen Intervention für die zivilgesellschaftliche Ebene schufen. Wer schlußendlich für das politische Dilemma mit dem Leben bezahlt, sind die vollkommen Unbeteiligten, die unschuldigen Bewohner der Stadt, aber auch die einfachen Soldaten, ob türkisch oder kurdisch, die dem Ende ihrer Wehrpflicht und der Rückkehr zu ihren Familien entgegenblickten. Wer leidet, ist das einfache Volk, während betont alle beteiligten Parteien des Konfliktes, Verantwortung dafür tragen.

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Ein Gedanke zu “Cizre im stillen Verfall

  1. „Wer leidet, ist das einfache Volk, während betont alle beteiligten Parteien des Konfliktes, Verantwortung dafür tragen.“

    Ich bin zugegebenermaßen kein Türkei- oder Kurdenexperte, aber ich habe mitbekommen, dass sich die Kurdenfraktion um den inhaftierten Öcalan seit Jahren zu friedlichen Wegen bekennt. Die Eskalation bis zu den derzeitigen Gewaltexzessen geht für mein Empfinden eindeutig von der türkischen Regierung aus.

    Das fing an mit verschiedenen Anschlägen auf kurdische Demonstranten, bis zu den völkerrechtswidrigen Fliegerattacken des türkischen Militärs auf Kurden im Nordirak und dann den Einzingelungen der kurdischen Städte auf türkischem Gebiet mit hunderten Toten und tausenden Flüchtlingen.

    Natürlich kann man auch immer weiter in die Vergangenheit kramen und lange Vergangenes aufrechnen. Aber seit Jahren waren die türkischen Kurden ruhig. Erst die Parlamentswahl, die der AKP die absolute Mehrheit nahm, brachte wieder Unruhe. Demokratie als Unruhestifter? Da stimmt doch was nicht.

    Diese Unruhe kam nicht von den Kurden oder der PKK. Das muss festgestellt werden und darf nicht mit Abschweifungen in die Vergangenheit relativiert werden, sonst ist nie mehr ein friedliches Land in Sicht.

    Ich bin hier beim Blog wegen des Textes bei Freitag.de gelandet. Mir viel da schon auf, das sich die Gedanken hinterwärts selbst zum stützen bringen. Schon die Sache mit dem Kopftuch. Vor 9/11 sah ich praktisch keine jungen türkischen Frauen, die mit Kopftuch auf der Straße waren. Zugegeben, vermutlich habe ich auch nicht sehr genau geguckt. Es ist aber augenfällig, dass der lange Zermürbungskampf der Muslime in Afghanistan und im Irak gegen die hochgerüsteten Besatzer zu einem neu erwachenden Stolz vieler Muslime auf ihren Glauben geführt hat.

    Letztlich habe ich nicht wirklich Einblicke in die Welt junger Muslime in Deutschland, aber ich habe noch einigermaßen gute Erinnerungen an meine eigene Jugendzeit. Kenne die Trend-Drücke, die Unerfahrenheit, was Politisches angeht und überhaupt, und ich erinnere die häufige Orientierungslosigkeit bei Argumenten anderer, wo mir im Rückblick schlicht das politische/geschichtliche/soziale Hintergrundwissen, die Welterfahrung fehlte, um überhaupt fähig zu sein, zu erkennen, wer mir nur seine Sicht der Dinge erzählen wollte und wer aufklären.

    Ich verstehe das Neuerwachen des muslimischen Stolzes bei Jungen und bei Alten durch den Widerstandskampf der Glaubensbrüder. Mir ist klar, dass viele Junge Abgrenzungsschwierigkeiten haben können, wenn sie mit grausamen Taten anderer Muslime medial konfrontiert werden. Junge Menschen müssen erst lernen, dass sie sich nicht rundum durch Zugehörigkeiten zu anderen identifizieren können, ohne im Normalfall mit heftigen Scherkräften parallel existierender anderer persönlichen Einstellungen und Sichtweisen zu gelangen. Wer sich durch Symbole wie Kopftuch, Kreuz, Schläfenlocken oder harte Symbole wie das Hakenkreuz definiert, weil im das Gruppengefühl oder die Coolness gefällt, übernimmt damit automatisch auch die dunklen Seiten dieser Symbole. Da gibt’s kein Vorbei.

    Die Aufklärung weist den richtigen Weg. Die Aufklärung macht Religion und Ethnie zu einer Privatangelegenheit. Jeder der dann mehr davon will, mehr davon nach außen demonstrieren will, sollte auch die anhängenden Konsequenzen mit sich selbst abgeklärt haben, sonst kommt es zu Gewissensbissen. Jedenfalls bei Leuten, die über sich selbst nachdenken.

    Ganz ehrlich – ich halte das Kopftuch bei jungen Musliminnen für eine Erscheinung, wie der Hippie-Wickelrock einer in den 70ern war oder die Nietenlederjacke eine in den 80ern. Da ist eine Unterstützung beim Wachsen und viele werden darüber hinauswachsen.

    Sobald die jungen Menschen lernen, dass sich mit Kleidungsteilen nicht die Probleme der Welt und auch nicht ihre eigenen lösen lassen, liberalisiert sich das, wenn die Gesellschaft den Raum lässt. Die Option zumindest haben Sie viel mehr als die Kurden in der Türkei Herr ihrer Lebensumstände und -gestaltung sind, oder die Türken in der Türkei Ausblick auf einen hassfreien politischen Umgang mit anderen haben, weil wieder ein Erdogan kommen wird, der die Minderheiten zum Hebel und Dübel seiner Macht umfunktioniert.

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