Die emotionale Ohnmacht der Muslime

GlobalSolidarity

Während Hunderttausende Stimmen in klanglautem Konsens für Frankreich ihre Solidarität bekunden, wird in innerislamischen Kreisen eine Frage aufgeworfen, die seit 9/11 ihre Debattenkultur nicht minder prägt. Wie geht man damit um, wenn Terroristen die eigene Religion instrumentalisieren und durch sie erbarmungslose Mordserien übertünchen? Distanziert man sich einmal mehr demonstrativ? Und wenn ja, wie stellt man das an, ohne einen ohnehin befürchteten Generalverdacht zu bekräftigen?

Wir Muslime scheinen erschöpft zu sein. Müde vom Rechtfertigungszwang, ausgelaugt von Distanzierungsphrasen – wohlwissend, dass wir ohne das Aussprechen dieser ja doch keine Ruhe finden werden. Denn während viele Muslime klarstellen, wie zuwider ihnen der lästige Widerhall von Beteuerungen ist, distanzieren sie sich erneut. Tun sie es nicht, könnten – nebst vermehrten islamophoben Angriffen – womöglich auch Schuldgefühle durch diese Stille im religiösen Diskurs Überhand gewinnen.

Ja, dass die Mörder von Paris mit dem tatsächlichen Islam genauso wenig zu tun haben wie Pegida mit der gesamtdeutschen Bevölkerung, sollte jedem weitgehend gut informierten Bürger klar sein. Dass sie ihr Töten dennoch mit einem vermeintlichen Islam zu legitimieren versuchen, lässt sich trotzdem nicht leugnen.

Ein zweckentfremdeter Glauben auf globaler Schaubühne

Dann gibt es aber immer noch die Muslime, die den klaren Prinzipien ihrer Religion am ehesten entsprechen – Muslime, die sich mit Geduld und Zuversicht gegen die vollkommen zweckentfremdete Interpretation ihres Glaubens durch den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) positionieren, ohne sich dabei in aller Öffentlichkeit demonstrativ von etwas für sie ohnehin völlig Abwegiges distanzieren zu müssen. Die Muslime, die Position nicht mit Distanz und Pflicht nicht mit Last verwechseln.

Misstrauen nach Terror: Nach den Anschlägen von Paris fühlen sich viele französische Muslime erneut unter Druck gesetzt, sich von Radikalismus und Nihilismus im Namen des Islams zu distanzieren, die mit ihren Glaubensvorstellungen nichts zu tun haben.

Womöglich verfolgten an jenem Abend des 13. November auch viele Muslime das Fußball-Spiel Deutschland gegen Frankreich nichtsahnend auf der Couch. Und wahrscheinlich hatten sie kurz davor ihr tägliches Nachtgebet, eines von insgesamt fünf am Tag, verrichtet. Versuchten den Alltag für einen Moment hinter sich zu lassen und zu entspannen. Und ihre Gebete begannen sie an jenem Abend mit genau denselben Worten wie die Terroristen ihren brutalen Massenmord: „Allahu akbar“ sprachen sie ehrfurchtsvoll mit gedämpfter Stimme und priesen so Gottes Größe auf arabisch an, während wenig später jene in Paris dieselben Worten lautstark in eine Menschenmenge brüllten, um durch ihre vermeintliche Stärke Angst, Schrecken und Tod zu verbreiten.

In der Tat scheint sich dieser Tage eine schwierige Situation für Europas Muslime anzubahnen. Viel mehr als der befürchtete Generalverdacht fühlen sie sich in einem eigenen Dilemma gefangen: Wenn sie offenkundig für die Pariser Opfer der Anschläge trauern, fürchten sie fast schon einen Verrat an den vielen muslimischen Opfern im Nahen Osten, denen vergleichsweise eine viel geringere Beileidswelle zuteil wurde. Eine zu offenkundige Solidarität mit Paris scheint dann gleichbedeutend mit dem Ausschluss jeglicher Kritik am Desinteresse der internationalen Gemeinschaft gegenüber muslimischem Leid. Es ist nichts anderes als ein „Entweder-Oder“-Konstrukt, das mit der Wechselwirkung von diversen Gemeinsamkeiten und einem ausgeprägten Solidaritätsgefühl zusammenhängt.

Polarisierung statt Zusammenhalt

Besonders in sozialen Medien wie Facebook oder Twitter offenbart sich die konfuse Haltung einiger Muslime. Die Palette von Deutungen der Pariser Anschläge ist breit: Verschwörungstheorien lassen sich ebenso entdecken wie Relativierungen der Opferzahlen durch Vergleiche zu anderweitigen Attentaten im Libanon oder in Syrien. Es ist viel Pietätlosigkeit dabei.

Den französischen Tricoleur-Profilbildern in Facebook setzten beispielsweise zahlreiche muslimische User demonstrativ die eigene Landesfahne entgegen. Sie hüllten ihre Bilder in türkische, libanesische oder palästinensische Nationalfarben. Mit dieser Geste wollten sie auf die vielen vergessenen Opfer in besagten Ländern aufmerksam machen.

Doch vergaßen sie dabei, dass auch die vielen Toten und Verletzten in Paris vollkommen unschuldige Menschen sind bzw. waren. Auch merken sie offenbar nicht, dass sie mit diesen Attitüden nur noch mehr Polarisierung und gesellschaftliche Spaltung heraufbeschwören. Damit rufen sie all jene Geister, die Pegida & Co. schon seit Langem umnebeln. Statt nach Zusammenhalt zu streben, wird nach selektiven „Wahrheiten“ gesucht – nach allem was trennt, um diese Differenz dann plakativ vor Augen zu führen.

Es ist nahezu wie ein trotziges „Ihr leidet? Nun, wir auch!“ – ein gefährliches geistiges „Wettrüsten“ für mehr Opferandacht, bei dem der eigentliche Sinn der Trauer abhanden kommt. Das Leid in Beirut wird dann nicht selten für eine strikte Antipathie gegenüber europäischer Politik instrumentalisiert. Leichtsinnig, ja zynisch geht man dann mit Opferzahlen um.

Solidarität fern von Nation und Religion

Doch die so kritisierte Hierarchie oder Priorisierung von Leid nach Region wird auf diese Weise lediglich bestärkt, das Fundament hierfür bruchfest gemacht. Als wären nicht alle Zivilisten jedweder Ethnizität letzten Endes die Leidtragenden eines Terrors, dessen Fängen wir alle gleichermaßen ausgesetzt sind. Was bei allem zu kurz kommt, sind offenherzige Emotionen und humanistische Werte, fern von Nation und Religion.

Wir müssen uns darüber klar werden, dass die Terroristen des „Islamischen Staates“ schon lange keine Meute vereinzelter Extremisten darstellt. Über einen längeren Zeitraum kreierten sie ein auf roher Gewalt und politischem Kalkül basierendes Terrornetzwerk, dessen Ausmaß und Umfang heute bis in die Zentren der europäischen Metropolen reicht. Eine mörderische Organisation, die den Frieden der gesamten Weltbevölkerung ins Visier nimmt und jeden Einzelnen bedroht, der ihre Barbarei kategorisch ablehnt. Dieser zerstörerischen Gewalt kann nur ein einheitlicher, gesellschaftlicher Zusammenschluss Einhalt gebieten – fernab jeglicher Differenz und Selektion von Mitgefühl je nach Nation. Das sollte jedem Muslim endgültig klar sein.

Erschienen im Tagesspiegel, Freitag & Qantara 

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Ein Gedanke zu “Die emotionale Ohnmacht der Muslime

  1. Uneingeschränktes Mitgefühl mit allen Opfern und vom Terror Betroffenen – hierunter zähle ich auch alle durch Kriegshandlungen und militärische Interventionen geschädigten Menschen – wird uns sehr schwer gemacht weil u.a. die Medien tagtäglich ihren Beitrag zur Fragmentierung von Staaten und Gesellschaften in antagonistische Gruppen leisten.
    Die Macht der Bilder und der Worte hat durch die Digitalisierung aller Lebensbereiche, insbesondere natürlich der Medien, zugenommen. Verstärkt durch einen unüberschaubaren Strom an „Informationen“ fällt es dem Einzelnen schwer zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden und sich in dieser Gemengelage zu positionieren.
    Diese Flut, die minütlich über einen herein bricht, stumpft außerdem ab. Verstärkt durch die kaum noch übersehbare Zahl an Konflikten und deren Folgen bleibt eigentlich nur noch, dass man sich abwendet und immunisiert gegenüber der überbordenden Gewalt und deren Darstellungen die sich medial in unsere Lebenswelt hinein drängt. Wie sollte man sonst auch den Alltag bewältigen – es ist nicht möglich, permanent im Gefühl von Angst und Bedrohung zu verharren.
    Natürlich sind wir betroffen, wenn wieder irgendwo auf der Welt ein Gewaltereignis statt gefunden hat und Opfer zu beklagen sind. Aber wir sind auch nur begrenzt fähig, uns tagtäglich damit zu befassen und mit allen Opfern das gleiche Maß an Mitgefühl zu entwickeln. Und natürlich spielt es auch eine Rolle, dass wir dieses Mitgefühl sicher eher spüren, wenn uns die Opfer kulturell, sozial oder regional näher sind.
    Es bedarf eines weiteren Schritts für jeden Menschen, um ungeteiltes Mitgefühl mit allen Opfern zu empfinden: wir müssen uns innerlich einlassen auf unsere eigenen Ängste, die wir ob der Bedrohung von Menschen durch Gewalt bei uns selbst empfinden; erst so wird Mitgefühl möglich – im Wortsinn: wir fühlen mit diesen Menschen. Dem stellen sich die Meisten nicht weil es einfacher ist diese Ängste erst gar nicht ins Bewusstsein kommen zu lassen.

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