Du Türke, Ich Kurde

Berlin ist Multikulti, Berlin lebt von Multikulti. Mit diesem Image wurde die Hauptstadt Kult und hat sich schon seit geraumer Zeit in kulturelle und nationale Vielfalt eingebettet. Dies scheint bereits in den banalsten Szenarien unseres Alltags durch, wenn beispielsweise am Morgen verschieden kulturell angehauchte Berliner auf den rot-blau gescheckten U-Bahn Sitzen Platz finden. Dicht an dicht dösende Bürger in bunten Nationen strotzend. Die Palette ist breit, von Italienern bis hin zu Arabern fließen Mentalitäten vieler Lände in das Berliner Ambiente ein. Türken jedoch gehören wohl zu der am stärksten vertretenen nicht-deutschen Volksgruppe in Berlin. Ein jeder deutscher Bürger wohnt Tür an Tür mit einer türkischstämmigen Familie, trinkt morgens am Arbeitsplatz den Kaffee mit einem türkischen Kollegen oder zählt auch türkische Bekannte zu seinem engen Freundeskreis. Doch meist geht unter, dass die Türkei selbst eine starke ethnische Vielfalt vorweist. Neben Aramäern oder Tscherkessen bilden auch Kurden als die größte Minderheit der Türkei, einen wichtigen Bestandteil der Mutliethnizität innerhalb der türkischen Landesgrenzen. Nicht selten blicken erstaunte Gesichter einem stutzig entgegen, wenn versucht wird zu erklären, dass eine aus der Türkei stammende Person eben nicht gleich Türke ist. Nicht verwunderlich, fallen doch auf dem ersten Blick keine gravierenden Unterschiede zwischen beiden Volksgruppen auf. Die meisten Kurden aus der Türkei sprechen fließend Türkisch, fahren im Sommer jedes Jahr in die Heimat. Dann aber eben nur etwas weiter gen Osten, während andere Reisende in Istanbul oder Ankara Halt machen. Auch die Mentalität beider Seiten ist nahezu identisch, die Küche gleich scharf und kohlenhydratreich, das Temperament ähnlich groß. Zwei Völker, die seit Jahrhunderten Seite an Seite leben kommen eben nicht umhin, gegenseitige Einflüsse aufeinander auszuüben. Die Sprache ist das größte Unterschiedsmerkmal, manchmal das einzig offene Indiz, woran man merkt, dass ein Kurde und kein Türke vor dir steht. Doch je dünner die Grenzen zwischen den beiden Völkern augenscheinlich sind, so tief eingebrannt wirken sie wieder, wenn man mit nationalistisch gesinnten Reihen darüber spricht. Ein importierter Nationalismus flammt auf, mitten in der Hauptstadt.

»Wie ich zur PKK stehe? Eine demokratische, fortschrittliche Befreiungsorganisation.«

„Gut, ich erwarte Sie um 15 Uhr.“ Es war Viertel nach drei, als ich im mittelgroßen Raum er NAV-DEM Gemeinde in Berlin-Wedding sitze. Vor einem Tag hatte ich mit Ali, einem der Vorsitzenden des lokalen Vereins, telefonisch ein Gesprächstermin vereinbart. NAV-DEM, eine Abkürzung für „Navenda Civaka Demokratîk ya Kurdên li Almanyayê“, was übersetzt so viel heißt wie „Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Deutschland“. Auf ihrer Internetseite beschreibt sie sich als eine bundesweite Dachorganisation mit dem Ziel die „Selbstorganisierung der Kurdinnen und Kurden im politischen, religiösen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich zu umfassen“ In einem der Räumlichkeiten dieses Vereins blicke ich mich verstohlen um, während ich warte. Die im lichtdurchfluteten Zimmer verteilten fünf Tische sind jeweils mit einer rot-weiß karierten Tischdecke bedeckt. Wahrscheinlich sorgen sie für das vertrauliche Ambiente. Oder die klirrenden Teegläser hinter der Theke in Kombination mit den im Hintergrund leise laufenden Stimmen des Fernsehers, der oben an der Wand über den Köpfen der Männer ragt, die sich an typisch türkischem Bohneneintopf satt essen. Direkt daneben ein überdurchschnittlich großes Plakat von Abdullah Öcalan, einer der maßgebenden Führer der in Deutschland als Terrororganisation eingestuften PKK. Mein Blick verfängt sich in leuchtendes Rot rechts von mir, da hängt die Flagge der PKK, mit ihrem in grellem Gelb liegenden roten Stern in der Mitte. Ich wundere mich, der Verein wird im Internet in keinster Weise mit der PKK in Verbindung gebracht, präsentiert sich als rein demokratischer Verein für die Koordinierung kurdischer Lokalarbeit. Mir wird schwarzer Tee angeboten, ungefähr vier Mal. „Sind Sie sicher, dass sie nichts trinken wollen?“ Ich lehne dankend ab, nach 10 Minuten steht trotzdem ein Glas vor mir, gefüllt mit türkischem Tee und serviert auf einem kleinen Unterteller. Als ich gedankenverloren in meinem Tee rühre ertönt eine ältere Männerstimme hinter mir. „Büsra, richtig?“ Ich blicke hoch und begrüße Ali, der sich lächelnd für seine Verspätung entschuldigt. Wir setzen uns an den Tisch und unterhalten uns kurz. Ich stelle mich vor, erkläre ihm, weshalb ich hier bin. Er fragt mich unmittelbar nach den ersten zwei Minuten, wie es in der Türkei üblich ist, aus welcher türkischen Stadt meine Eltern kommen würden. „Ach, aus Ağrı?“ Er strahlt und fragt mich etwas auf Kurdisch, ich starre ihn nur verständnislos an und entgegne, dass ich kein Kurdisch kann. „Und das als Kurdin?“ Er blickt mich verwundert, fast schon vorwurfsvoll an und sagt, dass wir das Interview dann einfach auf Deutsch oder eben auf Türkisch führen. Abrupt steht er auf und zeigt auf die riesige Terrasse hinter den großen, weißen Fenstern. Es sei doch viel zu laut im Raum und ob wir nicht lieber nach draußen gehen wollen. Ich sage, das sei mir vollkommen egal, der Lautstärkepegel hält sich in Grenzen, wie ich finde. „Weißt du, ich glaube bei diesem Thema müsste ich schon eine rauchen.“, grinsend kramt er eine Packung Zigaretten aus seiner Stoffhose.

»Glücklich ist derjenige, der sich als Türke bezeichnet.«

Nach weiteren 10 Minuten Smalltalk rücke ich mit der ersten Frage raus, während eine Frau lächelnd auf die Terrasse kommt, uns beim Vorbeilaufen kurz begrüßt und sich zu der, uns gegenüber sitzenden Gruppe gesellt. Ich konfrontiere ihn mit dem auffälligen Raumschmuck, mit Öcalan und der PKK. „Wie ich zur PKK stehe? Eine demokratische, fortschrittliche Befreiungsorganisation.“, die Antwort kam unerwartet lapidar. Ich hake nach, was für Reaktionen diese Aussage bei ihm für gewöhnlich ernte. „Ich mein natürlich gibt es da sehr viele Gegenmeinungen. Manche Türken nicken nur abweisend und laufen weiter, wenn ich das sage. Manche bleiben stehen und diskutieren dann und viele werden total wütend. Aber sieh mal, wir Kurden haben mit Terror ja nichts zu tun. Der Terror ist sowieso da, den macht der Staat. Wir haben keine Schuld.“ Ich bitte ihn expliziter zu werden, wen er denn mit „wir Kurden“ meine? „Na die PKK. Sie ist keine Terrororganisation, wie es viele propagieren. Die PKK hat mit Terror nichts zu tun.“, wiederholt er sich in festem und doch sehr ruhigem Ton. Es gäbe aber genug Kurden, die sich mit der PKK nicht solidarisieren und diese Meinung nicht teilen, widerspreche ich. „Trotzdem, die PKK ist die Stimme des kurdischen Volkes. Es gibt da natürlich noch blinde Kurden, die gehen und wählen die AKP.“ Unwillkürlich runzele ich die Stirn, obwohl ich mir vornahm Neutralität zu bewahren. Meine Kritik gegenüber der PKK kann ich nicht vollständig abschalten, so frage ich ihn, ob er denn nicht extrem pauschalisiere. „Ich spreche jetzt im Namen aller Kurden, die sich gegen das falsche System widersetzen. Nicht über die verblendeten Kurden. Ich mein wie kann ich dich zwingen, dass du nicht Türkisch sprichst? Das war bei uns ja früher Zwang. Die ganze Zeit war das so. ‚Es gibt keine Kurden’, Türken haben das gesagt, Türken sagen das.“ Doch nicht alle Türken, werfe ich ein. „Nein natürlich nicht, aber wir Kurden wurden seit über 100 Jahren von dem Staat unterdrückt, der Staat, auf den Türken so stolz sind.“ Ich spreche ihn auf den Friedensprozess der Regierung an. „Ach ja, jetzt haben sie angeblich einen kurdischen Sender aufgemacht, aber das hat mit Kurden gar nichts zu tun. Das ist ein Sender, der nur die Staatsinteressen ausübt, das aber eben auf Kurdisch.“ Auf die Frage, ob er ein Patriot sei, antwortet Ali, er sei Demokrat. „Das muss ja kein Widerspruch sein, sie können trotzdem Patriot sein.“ Er schlürft an seinem Tee und umgeht meine Frage erneut. Er liebe alle Menschen und auch Türken. Aber die Türken würden Kurden immer nur in zwei Segmenten sehen, böser Kurde und guter Kurde.“ Er zieht diesmal besonders lange an seiner Zigarette, lässt sich beim Abaschen viel Zeit. „Aber nein, Kurde ist Kurde.“ Ich rühre mit dem Löffel in dem bereits kalten Tee herum, versenke die silberne Spitze in dem Zuckerboden am Grund des Glasbodens. Ich will von Ali wissen, ob er selbst den türkischen Nationalismus spürt. „Den türkischen Nationalismus siehst du ja schon, wenn du die Zeitung Hürriyet aufschlägst. Da steht ganz klar neben dem Zeitungstitel drauf „Türkei den Türken“. Wenn das kein Nationalismus ist, was ist es dann? Das riecht für mich stark nach Nationalismus.“ Ob solche Parolen kulturelle Gefühle verletzen würden, will ich wissen. „Ja, natürlich. Viele Türken sagen Sachen wie ‚Ein Türke ist so viel wert wie eine gesamte Welt.’ oder ‚Glücklich ist derjenige, der sich als Türke bezeichnet’. Das sagen sie und das ist unmenschlich. Wenn Deutsche so was sagen, sind sie Nazis. Wenn Türken das sagen, ist es plötzlich okay. Sie sind ja was Besseres.“ Ich spüre einen Anflug von Wut bei ihm. Er hält inne und nimmt mit einem entrüsteten Gesichtsausdruck erneut einen langen Zug. Als wir auf die derzeitige militärische Auseinandersetzung in der Türkei eingehen, richtet Ali sich auf. „Dieser unsinnige Krieg, der niemandem etwas bringt. Wer leidet ist das kurdische Volk. Es reicht uns, verstehst du. Irgendwann reicht es uns!“ Zum ersten Mal seit der dreißigminütigen Unterhaltung wurde seine Stimme ein klein wenig lauter, seine ruhige Mimik wich einem sich anbahnenden, lauten Ausdruck der Empörung. „Sieh mal, natürlich bin ich stolz ein Kurde zu sein, warum sollte ich es nicht sein? Ich sage aber nicht, dass ich besser sei als andere Menschen, das sagen aber die Türken.“ In dem Moment verkneife mir eine selbsttätige Widerrede, denn auch ich kenne viele Türken und nie würde ich auf die Idee kommen, allen diffamierenden Nationalismus zuzuschreiben. Doch ich möchte den auffahrenden Redefluss von Ali nicht unterbrechen. „Wenn du Ungerechtigkeit verteidigst, musst du dich ohnehin erstmal fragen, ob du ein Mensch bist.“ Ich weise automatisch auf all die Opfer hin, die die PKK zu verantworten hat. „Für uns sind Waffen ja kein Ziel, nur Mittel. Wir wollten keinen Krieg, der Staat hat uns durch all die Repressionen dazu gedrängt.“ Mich interessiert außerdem, wie kurdische Vereine zu den Gemeinden der ADÜTDF, also der Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine stehen. „Es gibt natürlich kleine Provokationen, aber wir sagen immer Frieden, Frieden, Frieden. Kein Krieg!“ Als ich neugierig werde, was das denn für Provokationen seien, ob er da nicht bestimmte Beispiele nennen könne, weicht Ali aus. „Wie gesagt, wir wollen nur Frieden. Diejenigen, die die MHP wählen (Partei der Nationalistischen Bewegung) sind demokratischer, als die MHP selbst. Wir haben schließlich auch zusammen gearbeitet an der Wahlurne. Aber klar, manchmal gibt es Spannungen.“

Ich wollte langsam abschließen, zum Ende kommen, als ein anderer Mann dazustößt und uns lächelnd begrüßt. Spontan frage ich ihn, ob er mir einige Fragen beantworten kann. Er setzt sich nach kurzem Überlegen hin und nickt besonnen. Auch ihn spreche ich auf die PKK an, ein Lächeln lugt unter seinem buschigen Schnurrbart hervor. Aus seinem herb wirkenden Hals dringt eine überraschend sanfte Stimme hervor und er antwortet mit einem vertieften Blick auf Türkisch: „Ich bin ja Türke, solidarisiere mich aber dennoch mit den Kurden. Genauer gesagt mit der PKK. Ich stehe auf der Seite, der Unrecht widerfährt. Du musst wissen, ich habe damals Theater studiert in Ankara. Habe regierungskritische Stücke gespielt. Man hat mich verhaftet und verhört.“ Ich halte inne, höre auf zu schreiben und blicke von meinem Notizheft auf. „Ganze 15 Minuten lang wurde ich beleidigt, meine Mutter, meine gesamte Sippschaft. Ich wurde auch gefoltert.“ Er beugt sich nach vor und krempelt mühselig seine Hose hoch, präsentiert großflächige Narben auf seinem rechten Schienbein. Ich sehe ihm an, er möchte weiter darüber berichten, doch seine Stimme bricht ab. Schnell wechselt er das Thema. „Der Staat hat all diesen Terror zu verschulden, nicht die PKK. Ich stehe hinter ihrer Ideologie, dafür muss man kein Kurde sein, sondern einfach nur überzeugt.“ Ich bedanke mich noch einmal für das ausführliche Gespräch und den Tee. Ali bietet mir erneut an, jederzeit kommen zu können, nicht nur für Recherchezwecke. Ich nicke, weiß aber, dass ich das wahrscheinlich nicht tun werde. Während ich durch den kahlen Vorraum gehe, sehe ich einige Prospekte, die auf einem einzelnen Holztisch ausgebreitet sind. ‚NAV-DEM’ steht drauf und ‚Wer ist Abdullah Öcalan?’. Ich gehe die engen Treppen herunter und verarbeite indes meinen ersten Eindruck. Freundliche, ja sogar sehr herzliche Menschen, die sich aber parallel mit einer offiziell als Terrororganisation anerkannten Gruppierung solidarisieren, sie offenkundig unterstützen. Eine interessante Erfahrung mit einem mulmigen Nachgeschmack.

»Kurden sind doch nur kurdischstämmige Türken. So etwas wie Kurde gibt es gar nicht oder gibt es ein Land, das so heißt?«

Auf der anderen Straßenseite erblicke ich an einem parkenden LKW vorbei einen kleinen Laden, versteckt unter berlintypischen Baugerüsten. „Ünal Reisen“ prangt der Name in Großbuchstaben über den winzigen Schaufenstern. Ein muffiger Geruch und semi-helles Licht umgibt das kleine Reisebüro, hinter dem vollbepacktem Schreibtisch sitzt der Inhaber. Ich stelle mich vor, wir unterhalten uns einige Minuten, in den ersten fällt erneut die übliche Frage, aus welcher Stadt meine Eltern denn kommen würden. Als ich dann auf den Verein zu sprechen komme und auf die andere Straßenseite zeige, steht der Mann auf und setzt sich auf den Schreibtisch, nachdem er ein paar dicke Ordner wegschob. „Ja, das sind halt unsere Nachbarn, aber viel habe ich mit denen nicht zu tun. Ich sehe ab und zu Leute rein und rauskommen, sind meistens ganz freundlich.“ Ob er denn wisse, was genau das für ein Verein sei. „Die wählen die HDP, soweit ich weiß.“, sagt er und als ich ihre Solidarität mit der PKK erwähne, macht er unverzüglich große Augen. „Naja, stimmt. Das sind schon ziemlich stolze Kurden. Ich habe mal mein Auto geparkt, da stand einer von denen auf einem Parkplatz. Ich habe ihm gesagt, er soll da weg und er hat geantwortet, das würde auch freundlicher gehen. Als ich dann auf Türkisch sagte ‚Bruder, ich bin Türke, du bist Türke, mach doch keine Probleme.’ wurde er wütend und sagte er sei kein Türke, sondern Kurde. Ich meine, muss er doch nicht erwähnen, dass er Kurde ist.“ Ich fragte, was ihn daran stören würde, da warf eine ältere, türkische Frau, die bis dahin still auf dem Sofa an der Seite saß und lauschte, ein: „Ach komm, Kurden sind doch nur kurdischstämmige Türken. So etwas wie Kurde gibt es gar nicht oder gibt es ein Land, das so heißt? Nicht mal eine Flagge haben die.“ Ich wollte wissen, ob das keine existenzielle Absprechung eines gesamten Volkes war. „Nein meine Tochter“, antwortet sie kopfschüttelnd. „Solange Kurden Bürger der ehrenwerten türkischen Republik sind, sind sie Türken. Kurdischstämmige Türken.“ Ich verstand, welcher Gruppe dieses Denken angehörte. Jene Türken, die weder Hass noch Sympathie für Kurden hegen, das Kurdensein schlichtweg dementieren. Das verleugnen, was in eigenen Augen als störend empfunden wird. „Wenn wir alle in der Türkei leben, aus der Türkei kommen, sind wir Geschwister. Wozu also dieser Krieg?“, ruft Herr Ünal und setzt seine Brille auf. „Überall spürt man die Spannungen, neulich als die Wahlen waren zum Beispiel. da gab es hier fast eine Schlägerei. Anhänger der MHP haben sich hier vor einem der Appartements getroffen, um sich zusammen die Wahlergebnisse in einer Wohnung anzusehen. HDP Anhänger haben das irgendwie mitbekommen, sind dann hingegangen und da haben sich beide Gruppen gegenseitig beleidigt.“ Auf meine Frage, wer seiner Meinung nach Schuld an dieser Lage sei, antwortet er: „Beide Seiten natürlich.“ Die Frau zupft an meinem Oberteil. „Sieh mal meine Tochter, solange die Kurden sich anpassen wäre doch alles gut. Sie haben doch richtig schön leben können in der Türkei, an was hat es ihnen denn gefehlt?“ Ich sage es sei möglich, dass sie unter der damaligen Repression zur Zeit der Assimilationspolitik Atatürks gelitten haben. Sie erwidert nur mit einem langgezogenen „Ach!“ und macht eine abwiegelnde Geste mit ihrer Hand. Ich trete aus dem dunklen Büro, kurz nachdem mir der Inhaber seine Visitenkarte in die Hand gedrückt und mich nachdrücklich immer willkommen geheißen hat.

Unter sengenden Sonnenstrahlen sammele ich mental meine wirren Gedanken und ordne all die vernommenen Positionen für mich ein, während ich mich zu dem Türkischen Kulturverein in der Lindowerstraße aufmache. Ein Verein unter dem Dachverband der ADÜTDF. Auch hier, wie auch in den anderen Gemeindeorten, liegt die Eingangstür des nationalistischen Verbandes unmittelbar neben der einer Moschee. Nicht verwunderlich, viele Nationalisten und Anhänger der MHP bekennen sich als religiös und stellen Glaube und Nation für sich an an vorderster Stelle. Ich spreche zwei Männer an, die an einem Gartentisch mitten im Hof sitzen und schwarzen Tee trinken. Sofort versuche ich ein mögliches Interview einzuleiten. Einer mustert mich misstrauisch, der andere schüttelt nur mit dem Kopf, als ein anderer, arabischer Mann, der den Hof kehrte auf mich zukommt und in forschem Ton sagt, es sei ihnen verboten mit Reportern zu reden, der ‚Başkan’, türkisch für Vorsitzender, möge das nicht. Ich versuche dennoch ein paar Fragen zu stellen, werde aber ungeduldig zurückgewiesen. Nicht das erste Mal. Einen Tag zuvor zeigten sich zwei weitere Vereine türkischer Nationalisten überraschend verschlossen, ich solle mit dem Vorsitzenden reden, wann der aber komme wisse niemand. Also wende ich mich an meinen persönlichen Bekanntenkreis, bitte eine alte Kindergartenfreundin um ein Gespräch, da ich von ihrer extrem-nationalistischen Haltung weiß.
Nach wenigen Stunden stehe ich untern am U-Bahnhof Schönleinstraße in Kreuzberg. „Hi, wie geht’s dir? Wollen wir uns nicht lieber hinten auf die Bank setzen, hier ist es ein wenig zu laut.“ begrüßt sie mich, neben ihr eine Freundin, die sie mitgebracht hat. Nach zehnmütiger Unterhaltung, stoße ich das Thema an. „Türkei den Türken. Glücklich ist derjenige, der sich als Türke bezeichnet. Was sagst du zu diesen Aussagen?“ Sie räuspert sich kurz und zuckt dann betont mit den Achseln. „Was soll man da noch groß sagen, so ist es. Türkei den Türken.“ Sie hält inne und blickt mich vorsichtig an, scheint nach einer Reaktion in meinem Gesicht zu suchen. Ich bemerke die Bedenken, die sich eingestellt haben und sage ihr, sie soll meine Person vollständig ausblenden und ihre Meinung offen und klar darlegen. „Ich bin kein Rassist, das weißt du und du bist auch Kurdin, versteh mich nicht falsch. Aber es heißt nicht umsonst Türkei. Okay, Kurden leben auch seit Jahrhunderten dort, haben mit uns Seite an Seite gekämpft im Krieg. Aber wenn sie dann kommen und sagen ‚Ich bin Kurde.’, da werde ich sauer. Vor allem wenn sie das so stolz sagen, als würden sie mir das unter die Nase reiben wollen.“ Ich frage sie, ob sie nicht auch stolz sei, eine Türkin zu sein. „Ja natürlich bin ich das, aber das ist etwas anderes. Weil überall, wo die türkische Flagge weht mein Land ist und wer es wagt mein Land mit Waffen zu bedrohen und Teile davon zu wollen, den kann ich nicht akzeptieren.“ Mir fällt ihre unbewusste, unterschwellig Besitz suggerierende Betonungsart auf, wie sie auf den Worten ‚mein’ und ‚Land’ mit Nachdruck pocht. Ob sie denn hier in Berlin ein Gefühl von Anspruch auf die Türkei habe. „Natürlich! Das ist doch mein Land, ich als osmanische Enkelin betrachte die Türkei als mein persönliches Gewahrsam, ich muss gut darauf aufpassen und ich habe nicht vor es irgendwelchen Kurden zu überlassen. Sie wollen ihre eigene Flagge auf mein Land legen. Aber wo meine Flagge weht, egal ob Westen oder Osten, da ist auch die Türkei. Punkt.“

»Sieh mal, wenn mein eigener Bruder auf die Berge gehen, sich der PKK anschließen und dann vor mir stehen würde, ich würde ihn als Soldaten ohne zu zögern direkt erschießen.«

Ich verstehe nicht, wie sie auf solch eine leichtfertige Weise mit der Zuordnung einer ganzen Volkgruppe umgehen kann und das sage ich ihr. Sie sieht mich bloß skeptisch an. „Wieso glaubst du denn, dass jeder einzelne Kurde die Türkei spalten möchte?“ Sie lacht spöttisch auf und in ihren Augen lese ich Verbissenheit. „Komm, das ist doch deren Ziel. Fast jeder Kurde will das, nur sehr wenige denken nicht so.“ Wieviel Kurden sie denn kenne und ob sie sich überhaupt mit so vielen Kurden abgebe, als das sie das bewerten könne frage ich und merke dabei, dass meine Stimme ungewollt herausfordernd klingt. „Ja, ich habe keine wirklich engen kurdischen Freunde“, sagt sie zögernd und als ich daraus laut schließe, dass sie im Hinblick auf kurdischen Background Distanz aufbaut, nickt sie langsam und zustimmend. „Ja, auf jeden Fall. Da bin ich ganz ehrlich. Wenn mir jemand sagt, dass er Kurde ist – ich werde direkt distanzierter, das passiert einfach automatisch. Kurden stelle ich automatisch nicht als Menschen gleich. Ich würde auch niemals mit einem Kurden heiraten wollen.“ Ungewollt muss ich grinsen, schüttele ungläubig den Kopf. Wir kennen uns seit über 17 Jahren und obwohl mir ihre ultranationalistische Gesinnung durchaus bekannt war, schockiert mich der unverhohlene Rassismus. Als wüsste sie, was ich denke, sagt sie: „Ich war nicht immer so, meine Eltern zum Beispiel sind nicht so stark nationalistisch wie ich. Sogar mit ihnen streite ich oft, was dieses Thema angeht. Ich bin eine stolze Türkin und ich sage das jedem. Sieh mal, wenn mein eigener Bruder auf die Berge gehen, sich der PKK anschließen und dann vor mir stehen würde, ich würde ihn als Soldaten ohne zu zögern direkt erschießen.“ Sie zuckt nicht einmal mit der Wimper, als sie das sagt, blickt mich dabei unverwandt an.

Normalerweise wäre ich angetrieben durch meinen Pazifismus sehr wahrscheinlich aufgestanden und gegangen, und wenn ich sitzen geblieben wäre, dann nur, um energisch gegen diese patriotische Vernarrtheit zu reden. Doch mich interessierte ehrlich, wie sich solch eine rechtsextreme Grundhaltung bei einer jungen Arzthelferin entwickeln konnte. Wir beide sind in Berlin geboren, beide sind wir hier aufgewachsen. Wie kommt es also, dass ich Nationalismus verabscheue und sie glorifiziert, dass ich mich in Berlin überdurchschnittlich heimisch fühle, sie aber sagt sie will weg hier und würde ohne zu Zögern, hätte sie zehn Söhne, jeden Einzelnen der Türkei opfern. Ihre Freundin, die sich bis dahin zurückgehalten hatte, steigt plötzlich mit ein: „Ganz ehrlich, Kurden grenzen sich auch irgendwo selbst aus. In der Schule hatten wir viele Kurden in unserer Stufe, sie kamen immer wieder auf dieses Thema zurück. Du bist Kurde, gut, aber wenn du anfängst darüber zu reden, wunder dich nicht, wenn Streit aufkommt.“ Sie sollen also am Besten verschweigen, dass sie Kurden sind, ob ich das richtig verstehe. „Nein, nicht verschweigen, einfach mal nicht darüber reden. Solange man nicht über dieses Thema redet, kann man ja auch befreundet sein.“ Also sei es ihrer Meinung nach möglich, dass Kurden und Türken befreundet sind. „Ja, klar.“, sagt die Freundin, meine Bekannte setzt ein Ausdruck auf, aus dem ich stillen Einwand entnehme, ich frage sie noch einmal direkt. „Türken und Türken sind Geschwister, aber bei Türken und Kurden ist es schwieriger. Sie können niemals so eng sein.“  Ich spreche dagegen, gebe Beispiele von mir, bin schließlich auch mit vielen Türken sehr eng befreundet. „Das ist selten, glaub mir.“ Ich tue es nicht, nicke aber nur, um auf die PKK zurückzukommen. Meine Bekannte lehnt sich zurück und fängt an zu beleidigen. Dann lacht sie entschuldigend. „Tut mir Leid, aber ich kriege so eine Wut, wenn ich über diese Menschen, wenn es denn welche sind, rede. Meine Chefin ist auch PKK-Anhängerin, wir diskutieren sehr oft darüber.“, sagt sie entnervt. Als ich sie frage, was sie von der aktuellen Regierungsspitze halte, rollt sie mit den Augen. „Erdogan ist doch selbst kein reiner Türker, seine Frau ist Kurdin. Wieso regiert so jemand die Türkei?“

Die rhetorische Frage bleibt in der bereits relativ angespannten Luft hängen, wir verabschieden uns und ich spüre, wie ich erst jetzt bemerke, wie extrem sich der beidseitige Rassismus in den Berliner Alltag eingebrannt hat. Die Freundin, die meine Bekannte mitbrachte stellte augenscheinlich eine moderate Version von ihr dar, trotz dessen waren auch ihre Meinungen von ausgrenzendem Nationalstolz belagert. Der Stolz, den sie auf ihr Heimatlande habe, fruchte aus der türkischen Geschichte, sagte meine Bekannte. So wurde mir erneut bewusst, wie schwammig die Linie zwischen Nationalstolz und Rassismus ist, wie leicht beide Fragmente zu koppeln sind. Während kurdische Nationalisten mit undifferenzierter Aufsässigkeit und pauschaler Aversion zum Konter gen türkisches Volk ausholen, ringt die Gegenseite mit einer verzerrten Wahrnehmung. Denn die immense Polarisierung türkischer Patrioten spiegelt sich nur allzu oft in ihren Argumentationsweisen wider. So wird das Vorgehen der militanten PKK nicht selten mit dem Gesamtvolk der Kurden assoziiert und Kurden als solche nur noch im Schatten der Terrororganisation wahrgenommen. Oftmals wird auf diese Weise vollkommen unbewusst eine rigorose Distanz geschaffen, der kulturelle Zwist ausgedehnt. Wenn erneut türkische Soldaten durch gegenseitige Beschüsse umkommen, wird dann auch mal ohne weiteres Hass gegenüber jedem einzelnen Kurden geschürt. Es wird deutlich; die Denkmuster Nationalbewusster sind gemengt mit einer paranoid-skeptischen Haltung. Kurdische Nationalisten gegenüber allen Türken und türkische Nationalisten gegenüber den Minderheiten des Landes. Denn nicht wenige der so genannten „Grauen Wölfe“ hegen im gleichen Maße auch Ressentiments gegen Armenier, Griechen oder gar Juden. Hinzu kommt eine starke Einverleibung für die Türkei, was angesichts der Tatsache, dass diese Jugendlichen in Berlin geboren und aufgewachsen sind, nahezu grotesk erscheint.

Woher dieser Leichtsinn im Hantieren mit festgefahrenem Chauvinismus kommt weiß ich nicht, ich weiß nur die überraschende Erkenntnis, aus beiden Seiten ähnliche Parallelen ziehen zu können. Der türkische Patriot betont mit fester Stimme, der kurdische in akzentuiertem Redefluss die Bedeutsamkeit der Brüderlichkeit zwischen Kurden und Türken, doch sagt im nächsten Satz aus, dass die Gegenseite Schuld an allem sei. Beide sagen es ist gut, dass man seit Jahrzehnten zusammenlebt und doch betonen sie den Namen der eigenen Nationalität auf eine bewusst erhebende, den der jeweils anderen Seite auf eine unbewusst höhnische Weise. Sie bemerken nicht einmal, wie die Widersprüchlichkeit ihrer Worte in dem Aussprechen dieser reflektiert wird. Ich hörte die einen oft „Wir Kurden“, die anderen hingegen häufig „Wir Türken“ und doch keinen der beiden Nationalisten ein einziges Mal „Wir Menschen“ sagen.

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Ein Gedanke zu “Du Türke, Ich Kurde

  1. Diese ach-so-konservativen-und-gläubigen Türken (Verweis auf die Bekannte) dieser Art sind meist so ignorant, dass sie nicht sehen, dass es im Osmanischen Reich, dass ja eigentlich nach deren Ideologie der Idealstaat sein sollte, nie Trennungen nach ethnischer Herkunft gab. Deswegen kann kein Türke von sich behaupten, er sei Nachfahre der Oghuzen. Der gesunde Menschenverstand sollte doch vor so einer Aussage halt machen…es ist schon schwachsinnig darüber zu diskutieren….

    [Der Prophet Muhammad (SAW) sagte: „Oh ihr Menschen! Euer Gott ist Einer und euer Stammvater (Adam) ist einer. Ein Araber ist nicht besser als ein Nicht-Araber, und ein Nicht-Araber ist nicht besser als ein Araber, und ein roter Mensch ist nicht besser als ein schwarzer Mensch und ein schwarzer Mensch ist nicht besser als ein roter Mensch, außer in der Frömmigkeit.“]

    Den Türkenhass unter den Kurden kann ich bis zu einem Punkt nachvollziehen. Man braucht nur paar Jahrzehnte in der türkischen Geschichte zurückzugehen, und sieht wie die Assimilationspolitik Mustafa Kemals viele Menschenleben kostete.
    Der Hass hat sich natürlich festgebissen, auch unter der jungen Generation, die von ihren Eltern und Großeltern die schrecklichen Erfahrungen mitbekommen haben.
    Ich will gar nicht auf die Regierung verweisen, aber es bleibt mir nichts anderes übrig, als darauf hinzuweisen, dass sich nun in den letzten Jährchen einiges geändert hat. Tiefer will ich gar nicht in die türkische Politik einsteigen, denn das ist eigentlich gar nicht das Thema.

    Alles in allem, ein hitziges Thema, &ein toller Text!

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