Erdogan zwischen Hassparolen und Heldensymbolik

erdogan_28

Er wird gefeiert und gehasst, verehrt und verpöhnt, anerkannt und anvisiert.

Erdogan gehört zu jenen Politikern, die mitten im Kreuzfeuer stehend Achtung und Respekt genießen. Vor allem innerhalb des türkischen Volkes spaltet sich die Haltung gegenüber dem Staatschef in zwei strikte Fraktionen, die in ihren Einstellungen beharrlich, fast schon dogmatisch sind. Die Verfechter Erdogans auf der einen, seine Gegner auf der anderen Seite. Wenn unerbittliche Antipathie und rückhaltlose Sympathie kollidieren, ist die Disharmonie in den Reihen der Bürger nicht verwunderlich, gar vorprogrammiert. Innerpolitischer Unmut und Volksaufstände hat die Türkei nur allzu oft verzeichnen müssen; jüngst die Massenproteste auf dem Taksim-Platz in Istanbul Ende 2012, die sich von anfänglichen Demonstrationen gegen die dortige Stadtverwaltung auf Grund ihrer Planung zum Abriss eines Kinos und zur Fällung von Bäumen im Gezi-Park, zu landesweiten Rebellionen und lautstarken Anfeindungen gegen die politische Führungsspitze ausdehnte. Kollektive Unruhen im ganzen Land hielten das politische Geschehen und die (inter)nationalen Medien fest im Griff. Kritiker wurden lauter, Unterstützer euphorischer. Was blieb war ein Echo in zwei Tönen, Verstimmungen nicht hörbar.

Als „uzun adam“ (langer Mann) hoch geschätzt, als „Erdowahn“ hochgenommen fungierte Erdogan schon seit Beginn seiner Amtszeit als eine Reflexion der Urprobleme des Volkes. Zum einen wäre da der extreme Mangel an neutraler Betrachtungen gen Politik, zum anderen der überschäumende Nationalstolz – sowohl von Türken, als auch Kurden gelebt. Dass zwischen der modellierten Politmalerei in all dem Schwarz und dem Weiß schon lange kein Grau zu erfassen ist, wird einem vor allem im Moment der Darlegung von eigenen, persönlichen Stellungen zum Regierungschef bewusst. Kritisiert man Erdogan, wird man in die Antagonistenriege gedrängt, lobt man ihn, ist man kurzum ein linientreuer Parteimann. Ob nun die sich blindlings fügenden Anhänger, die bei den kleinsten Ansätzen von gesunder – und für Aufbesserungen und Fortschritte des politischen Diskurses nötiger – Regierungskritik empörend aufschnauben und sich von einer Minute zur nächsten als Fürsprecher Erdogans der non plus ultra Art deklarieren schlimmer sind, oder doch die Gegenseite, die jegliche als achtbar geltenden Leistungen des türkischen Präsidenten vollends absprechen und ihm meist beleglos die gesamte existente Bandbreite an politischen Vergehen an den Kopf werfen, um ihrer ihm gegenüber ungezügelt wachsenden Aversion sicheren Halt und festen Boden zu schaffen – das bleibt schwer zu kalkulieren. Zu der letzteren Gruppe gehören meist Anhänger des oppositionellen politischen Lagers oder sozialistisch gesinnte Ideologiefrömmler und ein Teil der, durch viele Jahre der Unterdrückung ihren Glauben in die Regierung gänzlich verlorenen Kurden und Aleviten. Die Devise lautet Entweder-Oder. Doch was bleibt dann noch, zwischen resoluter Regierungskonformität und absolutem Regierungsque­ru­lan­ten­tum? Die Mitte scheint zu schwinden, das ist mehr als sicher.

Die schwache, manchmal sogar komplett untergegangene unparteiliche Betrachtung auf politische und soziokulturelle Geschehnisse im Lande, frei von tendenziösen Berieselungen, nüchtern von permanenter Implikation des subjektiven Backgrounds in das plausible Denken ist womöglich auch eine der vielen Konsequenzen und gleichsam ein Faktor in der Wechselwirkung des unbändigen Nationalgeistes. Jenes Nationalbewusstsein, das sich seit geraumer Zeit über einen zu großen Teil des Volkes legt, sich in das politische Konstrukt schlängelt. Auf dem Weg zum archaischen Zustand des gegen alle Formen von Toleranz und Rücksicht immun scheinenden Chauvinismusses, liegen die türkischen Nationalisten mit den kurdischen Kopf an Kopf – und Hände an Kragen. Denn nicht nur, dass beide Volksgruppen jeweils einen Teil inne haben, die sich mit Überlegenheit auf Grund der Nationalität brüsten; währenddessen liefern sie sich oftmals auch ein kulturelles Wettrüsten von patriotischer Sorte; welches Volk was geleistet habe zum Beispiel und deshalb niederer oder höher gestellt sei, als das jeweils andere. Die türkischen Volksbewussten klammern sich dann gerne an dem beliebten Ausruf „ne mutlu türküm diyene“ (was für ein Glück für jene, die sich als Türken bezeichnen) fest oder prahlen selbstredend mit den Verdiensten ihrer osmanischen Urväter, wobei sie oft außer Acht lassen, dass speziell das osmanische Reich Kurden bedeutsame Rechte in Form von eigenen Autonomiegebieten und Fürstentümern einräumte und eine Zeit darstellte, die Friedfertigkeit zwischen beiden Völkern aufleben ließ. Kurden weisen dann im Gegenzug häufig auf die Jahre der Repression hin, als sie unter bedrückendem Joch ihre eigene Sprache nicht sprechen durften und um die fortwährende Existenz ihrer Kultur bangen mussten, dies dann aber unredlich und völlig pauschalisierend auf das gesamte türkische Volk abwälzen und so unnötig Voreingenommenheit schüren, Kluften zwischen doch Gleichgesinnten entstehen lassen. Nationalismus ist ein altgewohntes Problem, fast überall und schon immer. Doch in der Türkei hinterließ sie eingebrannte Spuren im Volk und in der Geschichte dieser und formierte sich darin zu bewährten Denkmustern, die sich noch heute, ja vielleicht sogar vor allem auf die heutige Lage abfärben.

Am deutlichsten wurde der politische Zwiespalt durch die Geiselnahme von 49 Mitarbeitern des türkischen Konsulats Mitte 2014 im nordirakischen Mossul. Eine Situation der Auswegslosigkeit schnitt Erdogan den Weg, Ankara befand sich im Hexenkessel, so stark wie lange nicht mehr. Alle Augen auf das Handeln der Regierung gerichtet, entstand in den drei Monaten der Gefangenschaft ein unabsehbares Ausmaß eines Dilemmas für den damaligen Premier. Der Druck der Konfliktorientierung wurde vor allem durch damalige kontinuierliche Medienkritiken und Missbilligungen von Seiten diverser Staatschefs, unter ihnen Obama und Merkel, noch weiter verstärkt. Rückblickend kann man von zwei Hauptstrategieplänen sprechen: Die Türkei interveniert auf militärischer Ebene, versucht auf direkte Weise die Geiseln zu befreien, ginge so aber ein gewaltiges Risiko ein keinen oder nicht alle der 49 Menschen retten zu können. Oder sie agiert auf verhandlungssicherer Basis mit der ISIS, einer barbarischen Foltermeute, sichert somit aber das Überleben der Konsulatmitarbeiter, geht wahrscheinlich einen Gefangenenaustausch ein. Moralisch womöglich zutiefst verwerflich, aus politisch und geostrategischer Sicht ein durchaus einsichtiger und ausgeklügelter Schachzug. Vollkommen verständlich wurde dennoch die Kooperation mit der Terrormiliz kritisiert, dabei aber oft nicht die Tatsache eines durch und durch praktikablen und auf eine Weise eben auch gezwungenen Zweckbündnisses berücksichtigt. Erdogangegner wüteten, die Regierung habe sehr wahrscheinlich Lösegelder fließen lassen – wenn dadurch aber verhindert werden konnte, Blut zu vergießen, ist es dann nicht legitim? Doch kann man als Politiker und vordergründig als Mensch wirklich verantworten, über 50 Anhänger einer terroristischen Gruppierung freizulassen, 49 Menschenleben für zig andere einzutauschen, mit dem Wissen, dass man potentielle Mörder auf freiem Fuß lässt? Wie hätte man vorgehen können, um sowohl moralisch, als auch politisch fehlerfrei zu handeln; beziehungsweise schließt das Eine das Andere angesichts militärischer Aggression nicht auf irgendeine Weise ohnehin aus? Es war in jedem Fall eine von überaus schwierigen, unglaublich verzwickten Umständen beschattete Lage, unverblümte Kritik an einen vermeintlichen fügsamen ISIS-Handlanger war in dem Fall also genauso absurd wie das inszeniert-theatralische Glorifizieren des großen Befreiers. Erdogan war keins von beiden, sondern nichts weiter als ein Politiker, der vor der unverhüllten Härte politischer Entscheidungsfällung stand. Und auch damals sind beide Gruppen des Volkes auf völlig verkehrte Weise an die doch sehr komplexe Problematik rangegangen. So wie die türkische Regierung nun aktuell wegen den Bombardierungen auf mehrere Lager der PKK im Nordirak große Einwände der Weltpolitik einstecken musste. Die PKK, die seit 2002 offiziell in der Terrorliste vom Rat der Europäischen Union aufgeführt und dennoch in hiesigen Medien zum Teil auf nahezu euphemisierende Art bloß als kurdische Arbeiterpartei genannt wird. Einige Stimmen werden laut, die AKP werde das Land ins blanke Chaos, ja in einen Krieg stürzen und plädieren mit diversen Hashtag-Wellen in sozialen Medien für den Frieden, andere beteuern die PKK habe es nicht anders gewollt, die Regierung habe sich sogar schon viel zu lange militärisch zurückgehalten. Auch hierbei darf die Misere in seiner Schwierigkeit nicht unterschätzt werden. Die langwierige Zurückhaltung der Türkei ist vor allem aus geopolitischer Sicht tatsächlich nicht nützlich, aber doch verständlich gewesen. Oder wenn man sich an die Flüchtlingsfrage wendet; es war in jedem Fall kritikwürdig, dass die türkischen Behörden Ende letzten Jahres zunächst nach vermehrten Anschlägen auf die von Kurden dominierte Stadt Ain al-Arab, nahe der Grenze zur Türkei die Aufnahme von den rund 45.000 Kurden aus dem Norden Syriens verweigerten, gleichermaßen sollte man sich aber vor dem haltlosen Bashing die Zahl von circa 1,5 Millionen ins Gedächtnis rufen, so viele Flüchtlinge nahm die Türkei nämlich seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges vor vier Jahren auf.

Kritik ist ein Gut, das es mit Recht und Anstand zu handhaben gilt, kein simples Instrument für wahllose parteiliche Abneigungen. Es gab immer und überall Köpfe, die Kritik mit Schmähung durcheinander brachten, absichtlich oder unbewusst. Genauso häufig aber weicht die Kritik einem bedenklichen Personenkult, der unnatürlich resistent gegen jedweilige Form von Skepsis ist. Innerhalb der Türkei wachsen beide Seiten allmählich schon zu einer nationalen Gepflogenheit an. Erdogan ist ein Politiker, der als Dieb und Wirtschaftskapitän, als Mörder und gleichzeitig als Retter suggeriert wird. Mal als Diktator, mal als Held. Ein ideologisches Hin und Her, während diesem die Grundtatsache gen fanatischen Abgrund torkelt und Menschen vergessen lässt, nach dem Hauptsatz ein Punkt zu setzen. Erdogan ist ein Politiker. Nicht mehr und nicht weniger.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s